05.01.19 Thunfisch in der Konsumgesellschaft

Heute vermeldet die internationale Presse, dass ein Blauflossen- Thunfisch von 278 kg für einen Preis von 2,7 Millionen Euro über die Theke gegangen ist. Auch wenn der Preis bei einer Sonderauktion zu Jahresbeginn erzielt wurde, öffnet er doch auch dem Unbedarften die Augen: 9700 Euro für ein Kilogramm Fisch?

05.01.2019, Japan, Tokio: Kiyoshi Kimura, zeigt den Blauflossenthunfisch. Foto: Koki Sengoku/Kyodo News/dpa

Es ist schwer vorstellbar, dass der tüchtige Restaurantkettenbesitzer, der schon in den vergangenen Jahren mal mit ähnlich hohen Angeboten aufgefallen ist (2013: 1,4 Mio €, 222 kg) dieses Geld nicht wieder „reinholt“. Seine Kunden können sich diesen Prestigepreis „leisten“, sie machen das erst möglich. Ich setze das „leisten“ in Anführungsstriche, weil ich mir kaum vorstellen kann, dass irgendeine Arbeit diese Kaufkraft wert ist. Mir macht das deutlich, wie absurd unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem aufgestellt ist. Da gibt es Menschen mit einer so unglaublichen finanziellen Potenz, kombiniert mit einer sehr tiefgehenden Unwissenheit (oder NachmirdieSintflut-Mentalität), dass eine Modeerscheinung in deren Reihen eine sehr spezielle, bereits am Rand der Ausrottung stehenden Art möglicherweise den Gnadenstoß gibt.

Was für Tiere….

Almadraba – Stellnetze zum Fang des Blauflossen- Thunfisch

Und diese Tiere sind speziell: Sie werden bis zu 4,5 m lang und über 600 kg schwer. Sie schwimmen mit bis zu 80 km/h, halten ihre Körpertemperatur zur besseren Muskelnutzung auf bis zu 20°C über der Umgebungstemperatur und schwimmen dafür dauerhaft mit hohem Umsatz durch die Gegend.

Deshalb liegt auch ihre Umsatzrate, der Anteil ihres Futters, den sie in eigene Körpermasse einbauen, also nicht in Aktion umsetzen, bei sehr niedrigen 5 %. Die Könige dieser Disziplin, die Kraken, kommen auf über 50 %. Entsprechend unwirtschaftlich ist das sogenannte Thunfischfarming, bei dem ganze Schwärme mit Ringwaden eingefangen und dann für ein halbes Jahr gemästet werden, um einen höheren Fettgehalt des Fleisches zu erhalten. MAn muss die 20-fache Menge Futterfisch verwenden, um ein Kilogramm Thunfisch „wachsen zu lassen“.

Ostatlantischer Blauflossen- Thunfisch

Da der Rekordfisch vor der japanischen Küste gefischt worden ist, handelt es sich um die Pazifische Art: Thunnus orientalis. Allerdings sind die Preise auch für die anderen Arten sehr hoch.

Genau gesagt unterscheidet man zwischen 3 Arten der Blauflossenthunfische, eine im südlichen Indischen Ozean und südlich Australiens (Thunnus maccoyii), die aus dem Pazifik (Thunnus orientalis) und die Art des Nordatlantiks.

Reisen des Blauflossenthunfisches (ICCAT)

Diese letztere Art der Blauflossenthunfische (Thunnus thynnus) wird in 2 verschiedene Stocks aufgeteilt, deren Grenze bei 45° westlicher Länge verläuft, zwischen denen allerdings Austausch besteht. Patudo heisst der grosse Blauflossenthunfisch oder Rote Thun (Thunnus thynnus) auf den Kanaren, auf dem spanischen Festland nennt man ihn Atún rojo. Die laichbereiten Tiere wandern gegen Mitte Juli aus dem Atlantik ins Mittelmeer. Dort werden sie an den verschiedenen Küsten mit riesigen Stellnetzen abgefischt, in Spanien nennt man diese Almadrabas. Anderswo werden unter anderem Ringwaden und Langleinen eingesetzt. Auf den Kanaren, wo diese Art im März/APril und dann wieder im September/Oktober auftauchen, zieht man eine grosse Makrele in etwa 40 m Tiefe hinter dem Fischerboot her und fängt die Riesenbrocken einzeln. Katalogisiert ist er von der IUCN als “endangered”. Trotzdem liegt die Fangquote der EU dieses Jahr (2018) bei 18.000 Tonnen für den östlichen Atlantik, 5000 (in einer anderen Quelle 3500) davon für Spanien. (In den 90-ern lag die Fangmenge noch bei 50.000 Tonnen.)

Blauflossenthunfisch (Wikipedia)

Die neueste (2018 Seite 24) Empfehlung der Thunfischorganisation des Atlantiks (ICCAT) besagt, dass nicht mit einer Erholung des Stocks bis 2022 zu rechnen ist, wenn die Fangmenge nicht unter 20.000 Tonnen angesetzt wird. Für 2019 und 2020 sind 17623 und 19460 Tonnen vorgesehen.

 

Spezielle Situation der Kanaren

Die für die Kanaren festgelegte Quote von 188,8 Tonnen wurde im März 2017 in 72 Stunden gefischt. Da man über Jahrzehnte hier die Fischereierträge nicht oder nur ungenügend deklariert hat, wurden wir bei der Verteilung der Quoten mit entsprechend geringem Anteil bedacht. 2018 stiegt die Quote auf 255 Tonnen, für die 6 Tage nötig waren. Gefischt wurden allerdings 306 Tonnen, 51 mehr als geplant.

Die grosse Frage:

Blauflossen- Thunfisch (https://wall.alphacoders.com)/big.php?i=368715

Kann eine gut gemeinte, restriktive Fischereipolitik dieser Nachfrage entgegenwirken? Oder wird der Blauflossen- Thunfisch zum grossen Beispiel für den Raubtierkapitalismus? Die Erkenntnisse über den Rückgang der Populationen sind da, die Diskussion über sinnvolle Fangquoten wird öffentlich geführt, die Ergebnisse sind einsehbar. Aber gibt es ausreichend Kontrolle über den illegalen Markt? Welchen Einfluss nimmt die europäische Fischereipolitik, wenn sie wie geplant, Kontrollmechanismen schwächt und die Verpflichtung der Quotenzuteilung für Kleinfischer streicht, wenn sie die afrikanischen Küsten über Fischereiverträge aufkauft? Wird die illegale Fischerei, die bei einigen Arten im zentralen Ostatlantik auf über 30 % geschätzt wird, überhaupt einzudämmen sein?

Kann uns dieses beeindruckende Tier erhalten bleiben? Die Zeitungen Spaniens jedenfalls überschlugen sich noch 2017 mit den positiven Botschaften des Fischereimisnisteriums und auch nach dem Treffen der Atlantischen Thunfischverwalter der ICCAT in Dubrovnik 2019 gab es positive Botschaften zu hören. Ob das mit der Kernausage der entsprechenden Studie einhergeht? Diese war: dass nicht mit einer Erholung des Stocks bis 2022 zu rechnen ist, wenn die Fangmenge nicht unter 20.000 Tonnen angesetzt wird.