30.06.19 Besonderes Schutzgebiet (BSG) vor La Gomera

Ein 13.139,09 Hektar grosses Meeres-Naturschutzgebiet liegt direkt vor unserer Nase und erstreckt sich vor der Küste von Valle Gran Rey bis Santiago. Haben Sie es gewusst?

Schutzgebiete

Im Rahmen des Netzwerkes Natura 2000 sind europaweit 18 % der Landflächen und 9,5 % der Meeresoberfläche zu Schutzgebieten erklärt worden. Laut der offiziellen Seite der Europäischen Union soll dieses den bedrohten Arten und Lebensräumen einen „Hafen“ bieten. Bei einem Blick auf die grossen Flächen zwischen den Kanaren kann man sich schon mitreissen lassen. Halten die Schutzgebiete denn, was sie versprechen?

Begegnungen mit Tümmlern und Schildkröten in der Forschungsphase

In unserem Fall handelt es sich um das Gebiet mit der Kennziffer ES7020123, in Worten: Franja Marina Santiago – Valle Gran Rey. Als Gründe für die Auswahl dieser Zone kann man das Vorkommen der nach der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie geschützten Grossen Tümmler (stabile Population von 50 Tieren in der offiziellen Version) und Unechten Karettschildkröten sowie das Vorhandensein verschiedener geschützter Unterwasserlandschaften wie Höhlen (spezielle Arten), flache Sandbänke (Laichplätze und potentielle Seegraswiesen) und Riffe (reichhaltigstes Biotop) anführen.

Im Jahr 2011 wurde zum ersten Mal ein Managementplan für die 2007 eingerichtete ZEC (nach seiner spanischen Abkürzung: Zona de Especial Conservación) ausgestellt. Hauptsächlich wurde darin die Ausdehnung verkündet, die nebenstehend aufgeführten punktuellen Begegnungen aufgezeichnet und weiterhin eine Vielzahl von Massnahmen in Aussicht gestellt Unter anderem, dass weitere Forschungsarbeiten durchgeführt werden würden. Jedenfalls gab es für die Nutzer der Zone keinerlei Einschränkungen oder Auflagen, wenige der Massnahmen wurde durchgeführt, es existiert nur die ordinäre Kontrolle durch die allgemeinen Organe wie die Guardia Civil, die Fischerei- und die Umweltamtbeamten.

Wie bei so vielen europäisch geförderten Projekten stellt sich dann die Frage nach dem Sinn der eingeleiteten Finanzierung, die im Falle unseres Schutzgebietes bei etwa 1 Million Euro lag. Aber aller Anfang ist ja bekanntlich schwer.

Unterwasserhöhlen
In Unterwasserhöhlen findet man sehr spezielle Lebewesen, hier u.a. Keulenanemone und Putzergarnelen

Jetzt ist der neue Managementplan fällig. Zuerst tagten schon 2018 die Behörden dafür mit Firmen der Transportlinien und den Vertretern des Fährverkehrs. In diesem Frühjahr waren dann die anderen Stakeholder aufgerufen, sich bei der Entwicklung der neuen Leitlinien zu beteiligen. Ein Prozess, der für alle ZECs oder BSGs der Kanaren gemeinsam durchgeführt wird, in dem aber inselspezifisch Versammlungen abgehalten und für jedes Gebiet je nach Nutzung und Zustand bestimmte Regeln aufgestellt werden sollen. Beteiligt sind die Wissenschaftler des ozeanografischen Institutes, des Umweltamtes der Kanaren, der Inselregierungen, der Sportfischer, Fischer, Taucher, Walbeobachter, etc.

Einflüsse und Wichtung im Vorfeld in unserem speziellen Fall

Im November 2019 wird dann der neue Managementplan öffentlich ausgestellt und man kann sich aktiv an den Eingaben (Alegaciones), d. h. der Phase der konstruktiven Kritik, beteiligen. Bisher hatte man ja erstmal die Stimmen der Nutzer gehört und man hat vor, verschiedene der im alten Plan vorgestellten Massnahmen weiterzubringen. Jedenfalls sind eine Menge interessanter Regeln geplant:

– die Geschwindigkeit soll allgemein auf max. 10 Knoten reduziert werden

– auf Walbeobachtungs-Booten soll in einem Zeitraum von 5 Jahren ein Schutz um die Schrauben angebracht werden, um so Verletzungen bei den Tieren zu vermeiden

– das Ankern auf flachen Sandbänken mit möglicher Präsenz von Seegras soll verboten werden

– „competiciones extractivas“ (Wettbewerbe der Sportfischer) sollen verboten werden

– Umweltbildung soll gefördert werden

– „spezifische Massnahmen“ für Abwassereinläufe sollen eingerichtet werden

– künstliche Sandstrände mit Wellenbrechern dürfen nur aus Gründen des Schutzes des öffentlichen Küstenstreifens eingerichtet werden (hier kam die Frage, warum man diese Hintertür offen lässt)

– andere Aktivitäten in der Zone müssen vorab „beurteilt“ werden

Fischadler (Pandion haliaetus)

Ein „neuer“ Aspekt wird sicher noch die neue Gefährdungskategorie für die Fischadler sein: Seit dem Frühjahr 2019 gilt dieser als ernsthaft vom Aussterben bedroht. Da in unserer Küstenzone noch vor 2 Jahren zwei Horste belegt waren, sitzen wir sozusagen auf einem der letzten hoffnungsvollen Brutplätze, was in den neuen Massnahmen sicherlich eine Rolle spielen wird. In den Augen der zuständigen Technikerin des Umweltamtes ist eine weiträumige Sperrung des Brutbereiches von 500 m um den Horst unabdingbar und bei weitem nicht ausreichend. Eigentlich müsste man in der Brutzeit den Küstenstreifen dicht machen. Den Leuten, die gerne vor La Cantera ankern, wird das wohl noch „Vergnügen“ bereiten. Aber das dürften sie ja eh nicht, auf den flachen Sandbänken …

Für mich bleiben eine Menge Fragen offen:

Werden Gelder zur Verfügung stehen, um die entsprechenden Kontrollen durchzuführen? Die Insel ist klein, im Vergleich zum Schutzgebiet vor Teneriffa ist die „Belastung“ geringer.

machen die Tümmler hier auch in 20 Jahren noch Faxen?

Wird die Verschmutzung des Meeres noch entsprechend gewürdigt werden? In dem Datenblatt der Versammlung im Frühjahr wurde sie unter dem Punkt „Contaminación de aguas marinas“ als geringfügig einflussnehmend dargestellt und der Tümmler hat scheinbar mit ihr gar keine Probleme. Das sollte man mal den Wissenschaftlern erzählen, die die entsprechenden Untersuchungen gemacht haben, nach denen gerade die Tümmler sehr hohe Belastungen durch PCB und DDT aufweisen ….

Werden die Fähren, die ja bisher mit bis zu 35 Knoten fahren und für den grossen Teil der Kollisionen mit Walen verantwortlich zu sein scheinen, auch mit 10 Knoten fahren?

Unechte Karettschildkröte mit jungen Bernsteinmakrelen

Interessiert das alles jemanden, der seine Interessen bedroht sieht? Ich habe selber ganz schön gezuckt, als in einer der uns präsentierten Karten eine Sperrzone mit 500 m Durchmesser um den Roque de Iguala  auftauchte. Schliesslich kommen wir auf den Walbeobachtungstouren immer da vorbei, es würde regelmässig unseren normalen Ablauf „durcheinander bringen“, da wir dann eher gegen den offenen Wind in der „Düse“ auffahren müssten. Touché, musste ich da sagen ….