04.01.21 Mikroplastik und langlebige Umweltgifte auf dem Meeresboden

Mikroplastik im Sieb an der Playa del Inglés

Vor ein paar Wochen waren Plastiksammler auf La Gomera aktiv. Das Team des Projektes Implamac hat Proben am Meeresboden entnommen, um die dort abgelagerten Mikroplastikteile und die daran angehefteten Giftstoffe zu analysieren.

In einer sehr interessanten Studie wird eine der grossen Lücken aufgearbeitet, die bisher eine Betrachtung der Bedrohungen für die marinen Ökosysteme der Kanaren in Unvollständigkeit verharren liess: Contaminantes emergentes, die „neuen“ Umweltgifte. Durchgeführt wird vorerst eine Multirückstandsanalyse von Medikamenten, Waschmitteln, Weichmachern und Körperpflegeprodukten in Sand und Meerwasser.

In einer weiteren Linie sollen in Zukunft auch die langlebigen Umweltgifte analysiert werden.

wenige Plastikteile bei Probennahme an Land, ein Pellet und Algen

Eigentlich widmet sich die Arbeit hauptsächlich dem Mikroplastik, aber da die meisten Reste potentiell problematischer Substanzen lipophil (fettliebend – oder besser fettbindend, wie die aus Erdöl hergestellten Plastiktypen) sind und sich an Mikroplastik anheften, funktionieren die kleinen Reste von Plastikmüll als Giftsammler. Damit erhofft man sich eine Vorstellung davon machen zu können, welche Substanzen in der Zukunft problematisch werden könnten, denn die gleichen Substanzen setzen sich auch in den Fettgeweben der verschiedenen Meeresorganismen fest, welche sie einatmen oder fressen, und werden über die Nahrungskette Stück für Stück konzentriert. Man nennt das Bioakkumulation.

Mikroplastik 2019 an der Playa del Inglés

Indem man das Plastik auf angeheftete Gifte untersucht, will man im Rahmen des von der EU geförderten Projektes Implamac erstmals an den Küsten, in verschiedenen Meeresorganismen und auf dem Meeresgrund Schadstoffmengen messen.

Die Probennahme am Meeresboden und die damit verbundenen Analysen des Mikroplastiks werden von der Stiftung „Fundación Diario de Avisos“ finanziert. Die Ausrüstung des Labors entstand im Rahmen des Projektes Implamac. Das hauptsächliche Ziel des Projektes ist die Bildung einer Beobachtungsplattform, die quantitative und qualitative Daten über den Einfluss sammelt, den sowohl Mikroplastik als auch die neu in Erscheinung tretenden Umweltgifte bei den Kanaren, Kapverden, Madeira und den Azoren zeigen.

Umgang mit Umweltgiften auf den Kanaren

Grosse Tümmler leben nahe der Küste

Wenn ich das so enorm positiv finde, dann hat das den Grund, dass ich bisher dem ganzen Thema so selten begegnet bin.

Erstaunlicherweise sind die organochlorierten Pestizide der Vergangenheit, wie DDT, für grosse Teile der Bevölkerung kein Bestandteil der Realität. Sie existieren nur, wenn man an die Heuschreckenplagen denkt, die ja ebenfalls der Vergangenheit angehören. Aber auch die neuen Pestizide sind potente und langlebige Gifte und die in der Studie untersuchten „neuen Umweltgifte“ haben ebenfalls Konsequenzen.

Banane (Musa acuminata)

Der kanarische Chemiker Luis Alberto Henríquez Hernández, Toxikologieexperte der Universidad de Las Palmas de Gran Canaria (ULPGC), nennt die Kanaren unter den Regionen innerhalb Spaniens, die am Meisten Geld für Schädlingsbekämpfungsmittel in Bananenplantagen einsetzen. Als wohlwollende Erklärung könne man anführen, dass innerhalb der subtropischen Bedingungen mit mehr Schädlingen zu rechnen sei. Die Erklärung, die weniger gern gehört werde, sei die, dass die phytosanitäre Ausbildung derjenigen, die die Mittel ausbringen, sehr niedrig wäre. Leider nennt auch das Umweltamt in einer Betrachtung der Mengen von eingesetzten „productos fitosanitarios“ in den verschiedenen Regionen Spaniens die Kanarischen Inseln als führend (Perfil Ambiental de Espana 2016, Seite 164).

Umgang der Politik mit Umweltgiften

Um die Pestizide scheint es ein grosse, undurchdringliche Blase aus nicht vorhandenem politischen Willen zur Kontrolle zu geben, zumindest wenn ich von meinen Erfahrungen spreche. In den entsprechenden Ausarbeitungen bezüglich der Herausforderungen auf den Kanaren, wie zum Beispiel im Projekt „Plasmar„, zur nachhaltigen Entwicklung der Meere um die Makaronesischen Inseln, tauchen sie gar nicht erst auf.

Das Meeres-Schutzgebiet im Süden Gomeras bekommt neue Regeln.

In den Verhandlungen über die in Zukunft in den Kanarischen Meeresschutzgebieten einzuhaltenden Regeln werden Pestizide nicht angesprochen.

Auch wenn nicht mehr bei allen der Gedanke „viel hilft viel“ in Bezug auf Dünger und Gifte in der Landwirtschaft verbreitet ist, hat sich die Situation nicht komplett geändert. Selbst was die europaweit geächteten „alten“ Pestizide wie DDT angeht.

Die europäische Union gewährt im Falle von Plagen die Möglichkeit, durch einen Sonderantrag die oft sehr wirksamen, aber verbotenen Substanzen wieder einzusetzen, wenn auch nur für einen bestimmten Zeitraum.

Javier Borges, der Leiter des Projektes Implamac, ist sich sicher, dass im Zusammenhang mit langlebigen, verbotenen Pestiziden zumindest von den kontrollierten Anbauflächen keine Gefahr ausgeht. Zu streng sind die Regeln, zu häufig die Kontrollen. Problematischer seien in dem Zusammenhang Altlasten und unkontrollierter Anbau für private Haushalte.

Die heute eingesetzten Schädlingsbekämpfungsmittel sollten aber genauso mit Argusaugen betrachtet werden, denn schliesslich galt auch DDT einst als unproblematisch für unsere Gesundheit…

Problematik auf den Kanaren

Auf den Kanaren tragen 99 % der Bevölkerung Spuren von DDT oder eines seiner Abbauprodukte in sich. Bis 1978 wurde es hier eingesetzt. Im Rahmen von grossen Heuschreckenplagen, wie in der von 1954, während der 110000 ha Anbauflächen davon betroffen waren, oder der von 1958, wurde es grossräumig und flächendeckend genutzt.

Auch in verschiedenen Delfinarten sind erschreckend hohe Konzentrationen von PCBs und DDT und seinen Abbauprodukten nachgewiesen worden.

Kanarische Kinderärzte haben laut einer Studie aus dem Jahr 2015 Pestizide als einen der wichtigsten Faktoren für Kindergesundheit identifiziert: Importance of pesticides as a risk factor in child health in the practise of Canarian paediatricians. Raúl Cabrera Rodríguez, M. E Guerra Rodríguez.

So sind die chronischen Wirkungen dieser Verbindungen mit reproduktiven, immunologischen und neurologischen Störungen, Krebs, Diabetes, Fettleibigkeit usw. verbunden.


Wir erwarten mit Spannung die ersten Ergebnisse. Solange können wir nur dazu aufrufen, so wenig wie möglich Gifte einzusetzen. Natürlich umfasst das, neben den Pestiziden, also den Unkrautvernichtern, Pilzgiften, Viroziden , Bakteriziden und Schädlingsbekämpfungsmitteln, auch die Gifte in Kleidung (Kampagne Detox von Greenpeace), Reinigungsmittel und Desinfektion, in Kleber, Farben und Lacken, Baumaterialien, Weichmacher in Plastik, etc…