24.09.21 Übergabe der Verwaltung der Küstenstreifen an die Kanarische Regierung

Am 19. April wurde die Übergabe von der kanarischen Regierung angekündigt. Im Juni solle eine „gemischte Kommission“ eingesetzt werden, um das Thema zu organisieren. Was für ein „trockenes“ Thema!? Weit gefehlt. Ein wundervolles Beispiel, weshalb Politikverdrossenheit in die falsche Richtung führt. Das kann für die zukünftige „Entwicklung“ der Küstenregionen wirklich wichtig werden:

Das der spanischen Zentralregierung unterstellte Küstenministerium wurde in den letzten Jahren sehr oft angeführt, wenn es darum ging, weshalb irgendwo irgend etwas nicht gebaut werden durfte. Hier im Ort sind es zum Beispiel verschiedene Hotelprojekte und die Verbindung der Strasse neben dem ausgebauten Bachbett mit der Küstenstrasse, die eben nicht gebaut worden sind.

Küstenlinien: in gelb sehen Sie die Linie der maximalen Flut (grün, wenn sie nicht mehr dikutiert wird) in orange (violett) die Bebauungsgrenze

Wie ist das organisiert?

Was dahintersteckt, ist komplex, aber in seiner Komplexität auch schon bald spassig:

Das Umweltministerium bestimmt die Linie des höchsten Wasserstandes als Grundlage. Dieses Gelände wird generell als zum Meer gehörig betrachtet. Von dort ausgehend legt es dann, in Abhängigkeit vom Bebauungsplan und von der Wichtigkeit eines Bauprojektes für die Allgemeinheit, eine Distanz fest, die man beim Bau von Gebäuden und Infrastrukturen von der Hochwasserlinie einhalten muss, die sogenannte „deslinde de costas“. Noch einmal: diese Linie begrenzt also alle möglichen Bauvorhaben zur Küste hin. Je nach Wichtigkeit und Betreiber reicht die Distanz von 20 (im Falle einer geplanten öffentlichen Einrichtung) bis 200 m, allgemein gelten 90 m. Das Küsten-Ministerium verwaltete den Bereich vom Meer bis zur Bebauungslinie und verteidigt damit die Interessen der Allgemeinheit, für die spanienweit ein freier Zugang zur Küste ermöglicht werden soll.

Valle Gran Rey – La Puntilla

Wer sich im Ort Valle Gran Rey umschaut, wie viele Gebäude die Distanz von 90 Metern unterschreiten, kommt wahrscheinlich – wie 2 Techniker des Umweltamtes, die vor ein paar Jahren hier Vermessungen durchgeführt haben – auf etwa 200 nicht diesen Massstäben entsprechenden Bauwerke. Da wird es dann noch viel komplexer: Alle die Gebäude, die vor der Einrichtung des entsprechenden Gesetzes 1969 und mit Einschränkungen bis 1988 erbaut (rechtlich als Behausung fertiggestellt gilt auch, wenn der Anschluss an das Stromnetz gegeben ist) worden sind, werden nicht mehr in den Zustand der „öffentlichen Nutzung“ zurückgeführt.

Über so etwas kann man lange verhandeln, vor allem wenn genug Geld zur Verfügung steht. Für ärmere Behausungen geht es nicht immer gut aus, auf Teneriffa wurden 2008 in Cho Vito 23 Behausungen eingerissen, die den Bestimmungen nicht entsprachen. Die Bewohner hatten zwar schon länger darin gewohnt, ihre Unterkünfte aber nicht im Register eintragen lassen.

Wieder abgerissenes Bauwerk in Las Teresitas (Foto: El Diario.es) jetzt zum Notfallparkplatz umgebaut

Ebenfalls auf Teneriffa gab es, oberhalb des Strandes von Las Teresitas, einen regelrecht berühmt gewordenen Komplex, in dem ein Einkaufszentrum geplant war (El Mamotreto). Es stand sozusagen noch mit den Füssen im Wasser, wurde bei Springfluten und auflandigem Wind wirklich nass, so dass auch die minimale Distanz unmöglich eingehalten worden war. In dem Fall war die viel zu niedrig angesetzte Flutlinie verantwortlich, irgend jemand hatte „daran gedreht“. Der Kasten musste wieder abgerissen werden und ging als wundervolles Beispiel für ein von Bestechung gezeichnetes Bauwesen in Santa Cruz in die Geschichte ein.

Der Sandstrand zwischen Puntilla und Playa

Na und?

Wenn wir den Abschnitt zwischen Playa Calera und La Puntilla betrachten, liegt dort die „deslinde“, die Demarkationslinie 90 m hinter dem Strand und der Küstenabschnitt untersteht dem Küstenministerium. Wird nun die Verwaltung dieses Raumes auf die Kanarische Regierung übertragen, sind die Befürchtungen der Umweltschutzorganisationen gross, dass das Recht auf diese Verwaltung (unter dem enormen Druck der Spekulatoren) wie eine „heisse Kartoffel“ sei, die von einem zum anderen weitergegeben wird. Der Sprecher von Ecologistas en acción denkt, dass die „regionale Verwaltung dem Druck in grösserer Nähe ausgesetzt und darum verwundbarer ist“.

aktuelle Bausünde im Süden Teneriffas (Einkaufszentrum mit Blick aufs Meer, El Camisón. Foto: El Diario)

Für unsere Küstenlinie könnte das bedeuten, dass dort Strassen- und Hafenbauprojekte erleichtert werden, wenn auch vielleicht noch keine Hotels (die müsste man zu einem Projekt von allgemeiner Notwendigkeit erklären), so doch erst einmal eine grosse Uferpromenade gebaut wird oder gar, wie im Süden Teneriffas, künstliche Strände angelegt werden könnten. Jedenfalls hat die Hoteliervereinigung die Nachricht gefeiert, vermutlich weil sie sich erhofft, bei den bekannten Gesichtern aus der kanarischen Regierung leichter Einfluss nehmen und grosse Gewinne einfahren zu können.

Wer sich in den letzten Jahren über die allgemeinen Preissteigerungen und die Erhöhung der hiesigen Mieten gewundert hat, wird sich freuen ….