03.03.18 Wrackbarsch oder Flüchtlinge?

Dienstag las ich in der Zeitung die Notiz, dass unsere spanischen Fischer sehr besorgt auf die Diskussion um die Entwicklung des europäischen Fischereiabkommens mit Marokko schauen. “Marokko ist weit”, denkt man und vergisst, dass wir hier genau vor den Türen “unseres” europäischen Geschäftspartners hausieren. Oder, dass die EU jährlich 30 Millionen Euro an Marokko zahlt, um dort vor der Küste “angeln gehn” zu dürfen.

Bonito Angelfang

Es ist schon ein bisschen gemein, in die fröhliche Stimmung des Valle Gran Rey solch ernste Themen einzubringen. Aber hier geht es um unser Eingemachtes, unser Essen, unseren geschätzten “Wrackbarsch” oder “Cherne”. Auf der anderen Seite steht die Akzeptanz bzw. Duldung einer völkerrechtlichen Problematik auf dem Spiel! Ich versuche, mich kurz zu fassen 😉

Situation Westsahara:

Wie Sie natürlich alle wissen, hielt Spanien als Kolonialmacht das Königreich Marokko und die von Nomadenstämmen besiedelte Westsahara bis 1975 besetzt. Nach dem Rückzug der Spanier besetzte Marokko einen grossen Teil des Gebietes und liess für die aus einer Widerstandsorganisation gegen die spanische Besetzung entstandene “Frente Polisario” nur einen Streifen im Osten und Süden, an den Grenzen zu Mauritanien.

Seit 1991 herrscht hier ein Waffenstillstand. Eigentlich sollte nach Vorgaben der UN ein Referendum über die Zugehörigkeit zu einem eigenen Staat oder zu Marokko abgehalten werden, aber man konnte sich nicht einigen, wer dort abstimmen durfte. In der Aktualität wird immer noch diskutiert, ob der Einmarsch Marokkos völkerrechtswidrig gewesen sei.

Der wichtigste Wirtschaftszweig in der Region ist, neben dem Abbau von Phosphaten, die Fischerei.

Abkommen

soviel Geld zahlt die EU an ihre Partner. Der grösste Teil geht nach Marokko und Mauretanien

Seit 1996 gibt es europäische Fischerei-Absprachen mit Marokko, seit 2006 ein “Partnerschaftliches Fischereiabkommen”, im kommenden Juli läuft es aus. In diesem Abkommen wird festgehalten, unter welchen Bedingungen europäische Fischer die traditionell spanischen Fischgründe weiter nutzen dürfen, unter anderem kanarische Fischer oder solche, die für den Fang “unseres Wrackbarsches” verantwortlich sind. Im ersten Absatz des Abkommens stehen die Grundsätze, Regelungen und Verfahren für:

die wirtschaftliche, finanzielle, technische und wissenschaftliche Zusammenarbeit in der Fischerei mit dem Ziel, in den marokkanischen Fischereizonen eine verantwortungsvolle Fischerei zu unterstützen, um die Erhaltung und nachhaltige Bewirtschaftung der Fischereiressourcen sicherzustellen und die marokkanische Fischwirtschaft zu fördern.

Traditionell wird sowohl von Marokko, als auch von der EU einfach vorausgesetzt, dass der Vertrag für die Gewässer der annektierten Zone der Westsahara ebenfalls gilt. Aus dieser Zone stammen nach Aussage der spanischen Fischer über 90 % der nach Europa verkauften Fische aus marokkanischem Fang.

Problematik:

Brauner Zackenbarsch (Epinepehlus marginatus) Ramiro Martel

Vor dem Europäischen Gerichtshof stand nun die Entscheidung an, ob das Abkommen weiterhin gültig sein könne.

Ganz abgesehen von der tatsächlichen Entwicklung der Bestände in der Fischerei, die ebenfalls in der Kritik stehen und zum Beispiel hier angesprochen wird, steht die Anerkennung der bisher nicht geklärten Situation des Meeres vor der westsaharanischen Küste auf dem Spiel. Hätte die EU geurteilt, dass das Abkommen ungültig sei, könnte das die gesamte europäische Nachbarschaftspolitik und die Entwicklungszusammenarbeit in Frage stellen.

Urteil:

Nun hat der Justizgerichtshof darüber befunden, dass in dem Abkommen die Gewässer der Westsahara gar nicht erwähnt werden und dass das Abkommen deshalb gültig bleibt. Die Deutung bleibt nun jedem selbst überlassen:

Die FAZ meint, dass die EU auf diese Weise klarstellt, Marokko dürfe nicht über die Gewässer Westsaharas bestimmen.

In der spanischen Presse wird der Fokus darauf gelenkt, dass das Abkommen letztlich legal sei, die Entscheidung rief aber unter den Fischern grosse Unruhe hervor.

traditionelle Fischerboote in Mauretanien an der Grenze zur Westsahara

Die Marokkaner meinen, das Urteil beeinflusse nicht die Kapazität Marokkos, Fischereiabkommen mit der EU in ihren “südlichen Gewässern” einzugehen. Der Landwirtschaftsminister Aziz Ajanuch sagt in der spanischen Presse, dass die europäischen Fischer bis zum Ende des Abkommens im Juli weiter dort fischen dürfen. Für die Zukunft müsse man die legalen Werkzeuge finden, um mit der europäischen Rechtssprechung konform zu gehen.

Er sagte aber auch unter anderem:

„Wie wollen die Europäer den Flüchtlingsstrom aus Afrika über Marokko blockieren, wenn sie sich weigern, mit uns zusammenzuarbeiten?“

Damit macht er eine gewisse Abhängigkeit der Europäer von der Kooperation der Marokkaner deutlich, die letztendlich wahrscheinlich zu Lasten der Westsahara geht. Kann denn unter diesem Druck eine vernünftige Politik der EU möglich sein?

Wrackbarsch (Polyprion americanus) Gobierno de Canarias

Am Ende weiss man wieder nicht: Soll man nur zur Mässigung aufrufen? Da wir uns nicht alle wie Markus ’ne Angel schnappen und an der Mole dicke Fische holen können, sollten wir uns eben fragen, wie oft wir pro Woche Fisch brauchen. Oder doch lieber die hier gefischten und angelandeten Bernsteinmakrelen oder Bonitos essen?

Vielleicht hilft das Beispiel aber auch, die oft völlig unsinnig erscheinende europäische Politik einmal mehr zu hinterfragen und sich zu informieren, bevor man am Stammtisch oder bei Carsten in der Bodegita den Mund aufmacht.

Jedenfalls habe ich hier noch keine echten Wrackbarsche in den Restaurants gesehen. Die von den kanarischen Fischern tatsächlich gefangenen Fische der Art Polyprion americanus werden gleich nach Spanien geschickt. Was wir hier essen, sind verschiedene Arten von Zackenbarschen, die vor der afrikanischen Küste gefangen werden. Oben im Bild sehen Sie einen makaronesischen Zackenbarsch und mittendrin einen der richtigen Zackenbarsche. Den echten Wrackbarsch hab ich nie gesehen, aber ich bin ja auch ein Flachtaucher. Der Wrackbarsch lebt 4 Jahre unter Treibgut (daher der Name) und dann in Tiefen von 200 Metern. Och neee….

Zu den Fischen, die hier vor Ort angeboten werden, schreib ich dann beim nächsten Mal.