Haie und Rochen

Generell braucht man sich keine grossen Sorgen wegen Haien vor den Kanaren zu machen. Gefährliche Haie sind hier selten. Rochen kann man dagegen lokal sehr gut beobachten.

Kiemenspalten, Maul und Nasenlöcher beim Adlerrochen (Myliobatis aquila)

Haie und Rochen gehören zu den Knorpelfischen. Sie besitzen offen sichtbare Kiemenspalten und meist ein recht interessantes Gebiss, dessen Zähne sich in Reihen immer wieder erneuern. Ihre Haut wird meist von Placoidschuppen bedeckt, welche sich bei Kontakt rauh anfühlen. Da Knorpelfische keine Schwimmblase besitzen, wird der Auftrieb von grossen Brustflossen und einer stark fetthaltigen, übergrossen Leber unterstützt. Während die meisten Haie Knochenfische jagen, ernähren sich Rochen eher von hartschaligen Schnecken, Muscheln und Krebsen.

Haie

Engelshai (Squatina squatina) Vom Aussterben bedroht

Familie Engelhaie (Squatinidae): Der einzige für Schnorchler und Taucher gut zugängliche Hai dürfte der Engelshai (Squatina squatina) sein. Er wird etwa 1,50 m lang und legt sich gerne gut getarnt in den sandigen Untergrund. Auch dieser recht kleine und scheinbar „schlafende“ Hai ist wehrhaft. Allerdings wird er durch die Aktivitäten des Menschen und klimatische Veränderungen so stark in Mitleidenschaft gezogen, unter Anderem durch Belästigungen von Tauchern und Schnorchlern, dass er im Jahr 2019 in die maximale Kategorie des nationalen Artenschutzkataloges gestellt werden musste: Vom Aussterben bedroht.

Hammerhai (Markus Mette)

Die meisten hier vorkommenden Haie gehören zur Ordnung der Grundhaie. Viele davon sind vivipar, sie bringen lebende Jungtiere zur Welt. An der Wasseroberfläche trifft man vor allem auf junge Exemplare aus der Familie der Hammerhaie (Glatter Hammerhai Sphyrna zygaena und Sphyrna lewini), die bei Brito als häufig geführt werden. Gelegentlich nähern sie sich sogar Walbeobachtungsbooten oder Anglern, sobald man sich aber ihnen annähert oder gar ins Wasser geht, um sie zu beobachten, verschwinden sie in der Tiefe. Beide Arten gelten als bedroht, der Bogenstirn-Hammerhai (S. lewini) sogar als ernsthaft gefährdet.

Grauer Glatthai (Mustelus mustelus) Foto Markus Mette

Familie Glatthaie: Der häufigste küstennah lebende Hai ist der Graue Glatthai (Mustelus mustelus), vor allem die Jungtiere kann man sogar gelegentlich beim Schnorcheln antreffen. In der kanarischen Küche werden die Glatthaie als Cazón oder Tollo aufgetischt. Zu den bekannteren Arten der Familie gehören der Weissgefleckte Glatthai (Mustelus asterias) und der Hundshai (Galeorhinus galeus), letzterer lebt aber in von Tauchern weniger frequentierten Tiefen.

Blauhai (Prionace glauca)

Familie Requiemhaie: Hier sortiert man viele der bekanntesten Haie ein, Bronzehaie (Carcharhinus brachyurus) und Seidenhaie (Carcharhinus falciformis) gelten als häufig und vor allem ihre Jungtiere sind wohl auch in Küstennähe zu beobachten. Der Blauhai (Prionace glauca) ist häufiger im offenen Wasser anzutreffen, wir beobachten ihn gelegentlich in der Nähe von grossen Delfinschulen.

Makohai

In der Ordnung der Makrelenhaie finden wir weitere bekannte Vertreter: In der Familie der Sandhaie ist der Kleinzahn-Sandtigerhai (Odontaspis ferox) einzuordnen, der gelegentlich auch küstennah anzutreffen ist, während der auf offenem Wasser lebende Makohai (Isurus oxyrhinchus) und der seltene Weisse Hai zur Familie der Makrelenhaie zu zählen sind.

Auch der Walhai kommt ganz gelegentlich vor, meistens in den warmen Spätsommermonaten.

Blauhai (Prionace glauca)

In grösseren Tiefen gibt es noch eine Vielzahl weiterer Hai-Arten, von denen einige in grosser Zahl erscheinen, aber sehr langsam wachsen. Im Rahmen eines Praktikums an der Universität La Laguna wurde zu meiner Studienzeit an der möglichen fischereilichen Verwertbarkeit der Tiere geforscht. Im kalten Tiefenwasser laufen aber alle Stoffwechselprozesse langsamer ab und es gibt recht wenig Nahrung, da der grösste Teil des Lebens an der Oberfläche stattfindet. In der Konsequenz wachsen und reproduzieren sich die Tiere viel zu langsam, eine Befischung lohnt sich nicht. So waren die Tiere, die wir aus dem Wasser ziehen konnten, bis zu 100 Jahre alt.

Daran könnten sie denken, wenn mal wieder Orange Roughy oder Kaiserbarsch auf der Speisekarte steht.

Rochen

Runder Stachelrochen (Taeniura grabata)

Innerhalb der Überordnung der Batoidea, der Rochenverwandten, findet man etwa die Hälfte aller Knorpelfischarten. Die meisten im Flachwasser sichtbaren Arten bei uns gehören zur Ordnung der Stechrochenartigen. Ihr Kopf ist in den flach ausgezogenen Körper integriert, seitlich sitzende Brustflossen werden wellenförmig oder schwingend bewegt, die Bauchflossen sind recht klein und hinter den Brustflossen eingegliedert. Der Schwanz kann kurz und kräftig oder lang ausgezogen sein. Die meisten Arten besitzen einen auf der Oberseite des Schwanzes nach hinten ausgezogenen Stachel. Auf der Oberseite befinden sich neben den Augen die sogenannten Spritzlöcher, die oft für die Augen gehalten werden. Mit ihrer Hilfe kann der Rochen atmen, wenn er sich halb im Sand eingegraben hat, obwohl die 5 Kiemenspaltenpaare auf der Unterseite liegen.

Viele kennen mittlerweile die Stachelrochen oder Stechrochen (Familie Dasyatidae) aus dem Fernsehen, nachdem einer den sympathischen Faxenmacher Steve Irwin tödlich verletzt hat.

Rauhschwanz-Stachelrochen (Dasyatis centroura)

Hier bei den Kanaren gibt es mehrere verschiedene Arten der Stachelrochen: In direkter Küstennähe begegnet man vor allem den relativ kleinen Gewöhnlichen Stechrochen, den Chuchos (Dasyatis pastinaca). Neben diesen sind auch die grösseren Rauhschwanz-Stechrochen (Dasyatis centroura) und die Runden Stechrochen (Taeniura grabata) häufiger anzutreffen.

Die enormen Mantas oder Teufelsrochen (Familie Mobulidae) besuchen uns nur selten, vor allem in den warmen Sommermonaten. Bei einer Gelegenheit konnte ich drei Exemplare von Manta birostris nur eine halbe Meile vor dem Hafen beobachten.

Perfekte Tarnung: Man erkennt die Kopffront des Rochens und die Atemöffnung. Nach mehreren Stunden Ruhephase sind sogar Sandrippel über seinem Rücken zu sehen.

Die bis zu 2 m grossen Schmetterlingsrochen (Gymnura altavela) sind deutlich breiter als lang. Sie legen sich im flachen Sandboden ab und wedeln etwas Sand über sich. In Kombination mit der gemusterten Rückenseite bildet das eine perfekte Tarnung. Die Augen und die Atemöffnungen sind trotzdem deutlich erkennbar.

Die Art  kommt zum Teil in Mengen vor, wie in unserem Hafenbecken, wo ich im Sommer 2020 schon mehr als 35 gezählt habe. Scheinbar haben sich hier viele zu einer Paarungsversammlung eingefunden, wie sie 2016 auch vor Los Cristianos auf Teneriffa beobachtet werden konnte. In den flach auslaufenden Uferzonen werden auch die etwa 40 cm in der Breite messenden Jungen geboren.

Schmetterlingsrochen (Gymnura altavela). Was wie Augen aussieht, sind die Atemöffnungen.

An der Mole werden sie allerdings auch angefüttert, neben dem Restaurant landen Essensrest im Hafenbecken und einige Fischer werfen die frischen Innereien ihres Fangs ins Wasser. Das könnte dazu beitragen, dass die Ansammlung immer grösser wird. Wenn sich nicht von Resten ernähren, sind sie in der Lage, mit ihren Lorenzinischen Ampullen Beutetiere in ihrer Nähe über deren elektrisches Feld zu lokalisieren und mit einer raschen Bewegung zu verschlucken. Zu ihren Opfern gehören Kleinfische wie Meeräschen oder Ährenfische, die sich des nachts in der Nähe des Meeresbodens aufhalten.

Schmetterlingsrochen bewegen ihre Flossen wechselweise

Obwohl immer wieder Unvorsichtige im flachen Wasser des Hafenstrandes auf sie treten, ist mir nichts von Verletzungen bekannt geworden, obwohl ein grosser Stachel an der Basis ihres sehr kurzen Schwanzes sichtbar ist. Die typische Verteidigung der Stechrochen, mit dem Schwanz wie ein Skorpion nach vorne zuzustechen, wurde nicht beobachtet. Trotzdem sind die Stachel giftig und können theoretisch schmerzhafte Wunden hervorrufen.

Gymnura altavela zeigt neben den Atemöffnungen einen wurmförmige Auswuchs

Die Art gilt in europäischen Gewässern als bedroht, kann sich auf den Kanaren aber noch immer gut halten. In der Liste der IUCN wird der Schmetterlingsrochen in der Kategorie „vulnerable“ geführt. Leider werden sie wegen ihrer Grösse gerne als Trophäe von Sportfischern heimgesucht, was ihnen vielerorts zum Verhängnis geworden ist. Wenn sie also hier in Massen auftreten, sollten wir das als Geschenk betrachten und den Tieren ihren Raum gewähren, zumal sie als ungefährlich gelten. Unter gar keinen Umständen sollte man versuchen, sie mit einem Stock anzustupsen, um sie aufzuscheuchen. Wer einem unbeschwerten Badevergnügen nachgehen will, sollte langsam ins Wasser gehen und dabei die Füsse über den Boden gleiten lassen. (gracias por la información a Pedro Pascual)

Adlerrochen
Adlerrochen (Myliobatis aquila)

Unter den Adlerrochen kommen zwei Arten hier vor. Sie sind gut an den spitzen Brustflossen zu erkennen, welche sie synchron auf und ab schwingen. Im Gegensatz zu den Stachelrochen hebt sich der Kopf gut vom Rumpf ab und zeigt eine steilere „Nase“. Der gewöhnliche Adlerrochen (Myliobatis aquila) wird etwa 80 cm breit und 1,5 m lang. Er ist recht häufig in flachen Gewässern und ernährt sich dort von Schalentieren. Der Gestreifte Adlerrochen (Aetomylaeus bovinus) ist deutlich grösser und scheuer als sein Verwandter. Ich habe ihn auch schon auf den von Algen bewachsenen Felsen vor der Küste herumkauen sehen, wahrscheinlich fängt er aber nur die darin versteckten Krebse.

Marmor – Zitterrochen (Torpedo marmorata)

Die Zitterrochen (Familie Torpedidae) gehören in die Ordnung der Torpediformes. An beiden Seiten des Körpers befinden sich aus Muskeln abgeleitete, nierenförmige elektrische Organe. Mit deren Hilfe können sich die mit ihrer marmorierten Färbung leicht erkennbaren Zitterrochen orientieren, verteidigen und Beute „schocken“. Im Gegensatz zu den anderen hier vorkommenden Rochen bewegen sie sich hauptächlich mit Hilfe der Schwanzflosse fort.

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